Texte
 
Zur Ausstellungseröffnung am 19.04.2009:
Christoph Menschel und Jürgen Wiesner - Malerei,
 in der Städtischen Galerie Filderstadt
 
von Albrecht Weckmann, Filderstadt
 
Christoph Menschel und Jürgen Wiesner - Malerei
 
Malerei – der Begriff ohne Zusatz, Anführungszeichen, so lapidar wie eindeutig.
Malerei, das Malen als Zweck seiner selbst – Malen als künstlerisches Ziel, als Beruf und Berufung. Das gilt so ohne Einschränkungen als Klammer für die beiden heutigen Protagonisten.
 
Christoph Menschel
hat Malerei studiert, zunächst als Gaststudent bei Markus Lüpertz in Karlsruhe, dann in Stuttgart bei Hämmerle, Mansen und Schaffrath.
Es folgen Stipendien und seit einigen Jahren die Existenz eines freischaffenden Künstlers.
Mit Christoph Menschel dürfen wir im übrigen hier in unserer Galerie auch einen in Filderstadt lebenden Künstler herzlich begrüßen.
Wohl wissend, dass es ihn allerdings wieder in seine Heimat auf die Münsinger Alb zieht.
 
Christoph Menschel und die Malerei.
Es gibt die frühen Prägungen, Orientierungen, Aha-Erlebnisse.
Da ist ein ausschlaggebendes Erlebnis, die Kunst als einen lebensumfassenden, ganzheitlichen Prozess zu erfahren, als Christoph Menschel noch als Schüler auf der Documenta 1977 die Honigpumpe von Joseph Beuys erlebt.
Und da gibt es dann auch die den zukünftigen Zeichner und Maler prägenden Erfahrungen.
Die große Matisse-Ausstellung in Zürich Anfang der achtziger Jahre, Matisse, der geniale Experimentator, Bildfinder, der unendlich Fleißige und zugleich stets neue Entdeckungen und damit zu neuen Risiken Bereite.
Was beim jungen Künstler noch so etwas wie Vorbild zu nennen ist, bleibt beim freischaffendem, den eigenen Weg gehenden Künstler die Offenheit, das Interesse, in der Kunst und Kunstgeschichte lebenslang Anregung und Parallele zu finden.
So erzählt mir Christoph Menschel von der beeindruckenden Konsequenz und ungeheuren Kraft, die die Gemälde Beckmanns ausstrahlen, von der faszinierenden Auseinandersetzung mit dem Licht, das sich in Kirchners Gemälden widerspiegelt oder er widerspricht mir nicht, wenn ich ihn ob seiner Leichtigkeit der Beziehung von Farbfläche und formender Linie anspreche, die mich an französische Malerei nach Matisse etwa an Dufy erinnert. Auch für das Interesse an der Materialität und Oberflächengestalt seiner Gemälde gibt es etwa mit Dubuffet oder Wols Seelenverwandte.
 
Bei aller kunstgeschichtlichen Bezüglichkeit möchte ich betonen, wie eigenständig und konsequent da jedoch ein Künstler seinen Weg gefunden hat.
Was meine ich mit dem Begriff „Konsequenz“.
Es ist die Entscheidung – für die Kunst als Lebensberufung.
Eine Entscheidung ohne wenn und aber.
Es ist die Entscheidung für das in sich hineinhören und sehen.
Was macht nun den Prozess des Malen und Zeichnens aus?
Es ist dies ein Beobachten und Erforschen.
Zum Beispiel:
 
Das Runde und das Viereckige oder das Organisch Fließende und das Technisch – Mechanische - Gegensätze, die Christoph Menschel in der Gestalt des Saxophons erkennt, und dies werden Anlässe, zu Motoren seiner malerisch, prozessualen Reaktionen.
In der Interaktion materialer Handlungen, auf der rauen – sprich spürbaren, Widerstand leistenden Leinwand, immer wieder im gleichen Format, reagiert der Maler auf die gesetzte Stilllebenvorlage, nun quasi auf die eigenen Assoziationen. In der Überschaubarkeit der im Bekannten verbleibenden Varianten an Sujet- und Formvorgabe.
 
„Der Gegenstand erweitert sich über seine Erscheinung hinaus durch unser Wissen, dass das Ding mehr ist als seine Außenseite zu erkennen gibt.“
Paul Klee
 
Und natürlich habe auch ich mich gefragt, was es denn mit den Musikinstrumenten Trompete und vor allem dem Saxophon auf sich hat.
Verblüffend zunächst die Antwort Menschels – er spiele diese Instrumente gar nicht. Sie seien da und sie faszinieren ihn einfach. Und sie haben etwas zu sagen. Er schaut, er beobachtet. Die Beschränkung auf die wenigen Objekte unterstützt die Konzentration auf das Wesentliche.
Das im Malprozess einmal, zweimal, zichfach entstehende Zwiegespräch zwischen Objekt und bildnerischer Möglichkeiten des Malers lässt einen mittlerweile umfassenden Kosmos künstlerischer Ansätze, Umsetzungen, stilistischer Variationen und Zitate wachsen.
Und ganz besonders spannend ist dabei, dass die künstlerischen Interpretationen geradezu synästhetische Gesetzmäßigkeiten verschiedener Sinnesebenen beinhalten.
 
Es lässt sich dies in schier lehrbuchhafter Weise in der fünfteiligen Reihe „Saxophon mit Trompete“ – linkerhand von mir belegen.
Bei nahezu identischer Formgebung und Bildaufteilung fallen um so deutlicher die Variationen an Farbausführung der Instrumente und insbesondere die Kolorierung des Umraums auf, in dem das eigentliche Spektakel in Farbstellung wie Duktus sich primär aufdrängt.
 
Der Zusammenhang von Farbe und Klang als verbindliche synästhetische Erfahrung ist die häufigste menschliche Wahrnehmungsweise.
 
In den Gesprächen des Malers und Musikers Arnold Schönberg mit dem Synästhetiker Kandinsky lassen sich zahlreiche Beispiele finden, die uns helfen, auch die Bildwelten des Christoph Menschels besser verstehen zu können.
Betrachten wir einmal den Vergleich der Farbenverwendung in Schönbergs Musikspiel der Glücklichen Hand mit Kandinskys Äußerungen über die Wirkung der Farben und seinen Zuordnungen zu Instrumenten, die zu verblüffenden fast deckungsgleichen Ergebnissen führten:
 
Grün ist für Kandinsky die Farbe der Ruhe und lässt sich "am besten durch ruhige, gedehnte, mitteltiefe Töne der Geige bezeichnen". Schönberg verbindet "schmutziges Grün" mit dem Klang einer Solo-Geige, die in hoher Lage bei verlangsamendem Tempo "gedehnt" zu spielen hat. Violett ist Kandinsky zufolge dem Klang des "englischen Horns, der Schalmei, und in der Tiefe den tiefen Tönen der Holzinstrumente" ähnlich. Beim Erscheinen der Farbe Violett erklingen bei Schönberg Oboen, Klarinetten und Fagotte. Das "heller" werdende Rot bringt Schönberg mit Posaunenklängen in der Hauptstimme zum Ausdruck, was Kandinskys Assoziation von einem "hellen, warmen Rot", das ihn "an den Klang der Fanfaren" erinnert, entspricht. Gelb klingt für Kandinsky "wie eine immer lauter geblasene scharfe Trompete oder ein in die Höhe gebrachter Fanfarenton". Schönberg notiert hellgelbes Licht in der aufsteigenden Trompeten-Skala.
 
Schauen wir nun so angeregt erneut auf die Farb-Umräume der Bilderreihe.
Im ersten sind unter anderem kraftvolle violette und grüne Flecken, und Rotbraunes beigefügt – die rechte Bildhälfte strahlt sehr viel heller. In den folgenden Bildern gibt es verändernde Farbstellungen aber in allen diesen Bildern bilden sich linke und rechte Hälften aus. Ich möchte von sich verändernden Farb-Akkorden sprechen, geradezu kontrapunktisch organisiert. Oder es ist, als ob wir von der linken und rechten Hand eines Pianisten sprechen könnten, der linken Hand, die eher die tiefe Tönen, die rechte die hohen Töne erklingen lässt.
 
Ich möchte jedoch nicht tiefer in solcher Art Interpretationen einsteigen, denn wir wissen, dass solche Bild-Klangbeziehungen existieren, jedoch jeder Mensch sein eigenes Bezugssystem besitzt.
Denn ich will noch auf zwei weitere Aspekte in Menschels Arbeiten hinweisen.
In besagter Begrenztheit von Objekt und Komposition sucht der Blick die Vielfalt dann im Detail.
Schauen wir nach dem Bilderpaar Nummer drei und neun.
Das Saxophon auf dem Hocker. Wieder fast identisch in der Anordnung.
Im einen, dem Helleren, erscheint uns eine traditionelle Anordnung, der Hauptgegenstand wird durch kräftige Zeichnung und Farbgebung in den Vordergrund geholt. Ein grandioses Spiel an Farben ganz unabhängig vom Motiv eines metallenen Gegenstandes tobt sich da in der Mitte des Bildes aus. Farbtupfer, Flecken in klarer Grundfarbigkeit wie in der Brechung nach hell und dunkel. In Spuren können wir diese Farben summarisch als Hintergrund ahnen.
Im dunkleren der beiden Bilder scheint Menschel die Szenerie umzudrehen. Zwar flächig geglättet rückt das auch hier breit angelegte Farbspektrum aus dem Hintergrund jetzt heftig nach vorn.
Farbig zurückhaltend wird hier eher das Instrument behandelt.
Mit einer Ausnahme: Beide Bilder enthalten mit dem Prinzip Bild im Bild zusätzlichen Reiz.
Schauen Sie die Klappen des Saxophons an. In diesen Ovalformen erscheinen lauter kleine Welten, wie nach Himmelsrichtung aufgeteilte Farbkonstellationen.
Ein wunderschönes kleines Spiel, das an zahlreiche Vorbilder aus der Kunstgeschichte denken lässt, in denen meist als Spiegel gemalt, in kleinem Format ganz wesentliche Bildaussagen komprimiert wurden, von Arnolfinis Hochzeit des Jan van Eyck bis zu den Mirror-Scheiben von Roy Lichtenstein.

Es ist mir schließlich noch ein Anliegen, auf den Zeichner Christoph Menschel hinzuweisen.
Der mit klarem Blick und treffsicherer Hand auch das festhält, was er sieht, wenn er das Refugium seines Ateliers verlässt, und sich dem auch uns alltäglichen Lebensraum aussetzt.
Es ist die Landschaft, insbesondere unsere Filderlandschaft. Natur, die hier mit knappem Federstrich wieder gegeben wird als Kulturlandschaft, der Mensch steht nicht im Bild, aber alles ist geprägt durch ihn, die geraden Linien der Felder, das Flugzeug im Landeflug, der begrenzende Zaun.
 
Jürgen Wiesner
 
Malerei pur – wie sein Kollege
Und wie er akademisch ausgebildet. Wiesner, der – örtlich umgekehrt wie Menschel begann in Stuttgart die Kunst zu entdecken, um dann in Karlsruhe an der Akademie ein Studium der Malerei fort zu setzten, und Meisterschüler bei Per Kirkeby wurde. Auch wiederum wie Menschel die Laufbahn des Freien einschlug, wie er zunächst unterstützt durch Stipendien.  
 
Weitere Parallelen, Verwandtschaften entdecke ich in Konsequenz, sich auf die Ausschließlichkeit malerischer Gesetzlichkeiten einzulassen. Auch bei Wiesner mit den Folgen zielgerichteter und begrenzter Thematik.
Diese Haltung wird unterstrichen mit Eingrenzung auf immer wiederkehrende Formate, die Arbeit an der weitgehend rau belassenen Leinwand. Der Prozess wird sichtbar in einem lebendigen, scheinbar fließenden Pinselduktus.
Wiesner bevorzugt keine reine Ölmalerei, sondern mischt Wachsemulsion, die in ihrer starken, eigenartigen matten Farbigkeit eines der Merkmale, der Eigentümlichkeit seiner Malerei ausmacht.
 
Was sind das nun für Themen, für Gesetzmäßigkeiten, die die Arbeit von Jürgen Wiesner ausmachen.
Da fällt mir im Werdegang Wiesners, ein Begriff auf – die „Malerkolonie“.
Mit diesem Begriff wird eine Lebensform von Künstlern und einer Orientierung an Landschaftsmalerei zitiert, und da ist aber etwas aktuelle Wirklichkeit geworden.
Fünf Künstler haben sich getroffen. Sie verbindet das Verständnis, Maler zu sein, quasi einer Zunft anzugehören.
Und was konnte noch eine Verbindung herstellen, bei aller Unterschiedlichkeit?
Es wurde die Landschaft als Thema. Letztmals zu sehen 2007 im Schloss Mochental.
Und dieses Genre dominiert auch sein heute hier gezeigter Werkausschnitt.
Wiesner betont selbst, dass er die Missverständlichkeit oder noch schärfer die Missbräuchlichkeit von Landschaftsmalerei in Verbindung mit Heimat und dazugehörigen Patriotismen als Gefahr erkennt. Er will seine Landschaften auch weder mit Naturromantik noch mit Fragestellungen von Umweltzerstörung, Waldsterben und ähnlichem in Verbindung sehen.
Landschaftsgemälde, wie Wiesner sie versteht und erlebt, entstehen vielmehr aus ureigenem Erleben, sind Topoi der eigenen Existenz. In diesem sehr subjektiven Sinn nennt Wiesner dies - Heimat definieren.
Heimat finden, in der Welt, wie er sie kennen lernt, vor Augen, auf Reisen aber auch als Entstehung innerer Bilder, als Erfahrung, was Landschaft ausmacht.
Für Wiesner ist dies ein komplexer Wahrnehmungsprozess, der in umfassender Weise beim Prozess der Entstehung eines Bildes abläuft.

Es ist deshalb nicht richtig, seine Bilder mit dem Maßstab der naturgetreuen Richtigkeit zu beurteilen, denn sie sind keine Abbildungen bestimmter Dinge oder Wesen, sondern selbständige Organismen aus Linien, Flächen und Farben, die Naturformen nur soweit enthalten, als sie als Schlüssel zum Verständnis notwendig sind.
 
Die Gestaltung bleibt in der Fläche und täuscht keine Plastik vor. Mit der Gestaltung der Form geht die der Farbe zusammen. Es gibt weder Licht noch Schatten. Einzig die Farben in ihrem Zusammenhang geben das Erlebnis. Alles ist Fläche, und rein spricht der geistige Wert der Farbe. Diese Bilder sprechen unmittelbar und suggestiv. Sie machen den Eindruck, als habe der Maler viele Gestaltungen eines Erlebnisses übereinander geschichtet.
Ja, meine Damen und Herren. Mit diesen Beschreibungen meine ich, passende Erklärungsversuche für die Grundhaltung des Malers Jürgen Wiesner gefunden zu haben. Gefunden, weil ich dabei Louis de Marsalle zitieren konnte. Marsalle, ein Pseudonym, unter dem Ernst Ludwig Kirchner als Kunstkritiker auch sein eigenes Werk beschrieb.
 
Nicht zufällig bemerke ich da eine hohe Schnittmenge an Gemeinsamkeit.
Wiesner setzt sich seit Jahren intensiv mit Werken der Kunstgeschichte auseinander. Ganz praktisch, er malt, was er sieht, wie sonst kann ein Maler sich am besten äußern!
In der Beschäftigung mit Kirchner kamen mehrere Dinge zusammen. Die zitierte Nähe eines Grundverständnisses, beide machten eine Entwicklung von der Beschäftigung mit der menschlichen Gestalt, der Auseinandersetzung mit Abstraktionsverfahren hin zum großen Thema der Natur. Ohne dass die vorhandenen Themen gänzlich aufgegeben wurden.
Wie das an einigen Darstellungen von Menschen – wie dem klassischen Motiv Maler und Modell hier hinter mir deutlich wird.
Und dann gab es für Wiesner die Entdeckung des Fotografischen Werks von Kirchner.
Wie bei vielen Künstlern ist seit ihrer Existenz die Fotografie ein Medium, dass parallel zur Malerei eine eigenständige und nicht nur helfende Funktion inne hat – so auch bei Kirchner.
 
Wiesner führte die Beschäftigung mit dieser Schwarz-Weiß-Fotografie zu einer eigenen, will sagen eigenwilligen Adaption und schließlich eigenständigen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Bild und Abbild und der Frage, wo findet die Farbe statt.
 
So berichtet er, er stelle sich nicht einem Gemälde von Kirchner, sondern nehme sich das Motiv eines Schwarz-Weiß-Fotos  Kirchners vor und beginne zu malen.
Ebenfalls Schwarz Weiß.
Lässt das Bild wachsen, als Grisaille-Malerei, als flächiges, fleckiges Entstehen eines Eindrucks eines Landschaftserlebens.
Dokumentarisches, Archivierendes lässt diese Schwarz-Weiß-Malerei assoziieren und der ferne Eindruck eines Ernst Ludwig Kirchner-Bildes.

Mit dieser Methode einer bewussten Distanzierung bei gleichzeitiger Adaption eines Vorbildes geht Wiesner dann immer wieder einmal noch einen Schritt weiter.
Er nimmt sich dieses Gemälde erneut vor und beginnt nun in Farbe zu malen.
Und er vergewissert sich seiner eigenen malerischen Entscheidungen, lässt erneut Farbfeld an Farbfeld wachsen, um in einer nun mehrfach gebrochenen Aneignung das Erleben der Malerei in großer Tradition und doch als eigenen erlebten Prozess zu exerzieren.
 
Als Außenstehender bleibt uns ein Staunen, und natürlich unbenommen das Spiel, zu schauen, wie weit wir Kirchner, wie weit wir Wiesner sehen.
 
Und wir stellen natürlich auch fest, wir haben gar keine andere Chance.
Wir werden mit Wiesners Arbeiten in die Welt der Malerei hineingezogen, die keinen Anfang und kein Ende kennt und die im Neuen immer auch das Vorhandene reflektiert!
 
So schafft Wiesner das Öffnen des Auges oder besser gesagt des Denkens, indem wir vor seinen Bildern den kontrollierenden Vergleich suchen von Bekanntem und Unbekanntem – und damit setzt der Künstler eine irritierende Sensibilisierung in Gang – was kann dem Betrachtenden Besseres passieren!
 
Deshalb lassen Sie mich hier gar nicht weiter deuten, die Vergleiche, dies Hineinschauen, das schaffen die Bilder und Sie ganz von selbst.
Machen wir vielmehr mit der grandiosen Musik von Uli Gutscher einen synästhetischen Spaziergang in die Welt der farbigen und musikalischen Klänge!
Viel Vergnügen!
 
Städtische Galerie
Filderstadt, 19.4.2009
Albrecht Weckmann
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
                                                C.Menschel                                                                                        J. Wiesner
 
 
 
 
 
 
 
 
Südwestpresse: Alb-Bote, Nr. 44 - ( Samstag 22.2.2003 )
von Gudrun Grossmann
Kunst für Grafeneck/ Zwei Materialbilder von Christoph Menschel
Rot wie Blut, schwarz wie Asche
Er steckt noch mittendrin, obwohl seine Arbeiten abgeschlossen sind.
Der freischaffende Künstler Christoph Menschel wird über das
"Projekt 10 654" hinaus für Grafeneck arbeiten
Engstingen - Vieleicht ist es einfach seine Art, die alles andere als oberflächlich ist, vielleicht auch die Tatsache, dass er gerne und oft mit Menschen zu tun hat, die verkannt werden, weil sie mit Behinderungen leben oder im Altenheim abgeschrieben sind. Christoph Menschel eröffnet ihnen in seinen Kursen Zugang zum künstlerischen Gestalten. Der Ausdruck zählt,
nicht das Akademische.

Im Landheim Buttenhausen und im Servicehaus Sonnenhalde in Engstingen, wo er Kursleiter war, sind Bilder entstanden, die durch ihre Unverfälschtheit beeindrucken. Er ist einem Gustav Mesmer begegnet und hat dessen seltsame Fluggeräte in Bronze gegossen. Er hat ihn ernst genommen - so wie andere auch.

Solche Menschen sind damals in den grauen Bussen zu den Verbrennungsöfen transportiert worden. Christoph Menschel stellt sich oft die Frage, wie heute mit Krankheit und Behinderung umgegangen wird. " Die Problematik ist ganz aktuell" Seine Teilnahme am Projekt 10 654" ist für den gebürtigen Gomadinger nicht irgend ein Auftrag. Er setzt sich intensiv mit diesem dunklen Kapitel auseinander.
Der Lektüre des Grafeneck-Buches von Thomas Stöckle ("Euthanasieverbrechen in Südwestdeutschland" ) oder Reflektionen in der Kunst, wie das 1938 entstandene Werk " Die Hölle der Vögel" von Beckmann führten ihn näher ran.
Dann hat er gemalt. Die Idylle nach einer alten Luftaufnahme, einen grauen Bus, nach einem der wenigen Fotos, die aus dieser Zeit existieren. Einige Collagen und Skizzen sind entstanden. Entschieden hat er sich dann für zwei Materialbilder.
Eins zeigt den Grundriss des Vergasungstrakts, reingekratzt in Asche, von der Brandgruch ausgeht, ausgefüllt mit einer roten Farbmischung, im anderen sind Personen schemenhaft zu erkennen. Es sind Individuen, die im Begriff sind, sich aufzulösen, " so wie die Erinnerung droht zu vergehen " . Menschel zeigt das Morbide des Verbrechens. Die Risse, der Geruch, der Ruß: der Betrachter soll (muss) sich seine eigenen Gedanken dazu machen.
Christoph Menschel will Anstöße zum Nachdenken geben. ...
 
 
 
 
 
 
Südwestpresse: Alb-Bote vom 23.6.2001
 
(von Gudrun Grossmann) 
 
 
VOLKSHOCHSCHULE / Kurs für Menschen mit und ohne Behinderung
Neue Inhalte der Kunst entdecken
 
Sarah Boger und Christoph Menschel zeichnen und modelieren im Landheim
Es gibt unsichtbare Barrieren zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Diese aufzubrechen ist Ziel eines Kurses, der erstmals von der Münsinger Volkshochschule angeboten wird. Es wird gezeichnet, modelliert, so gearbeitet, dass sich beide Seiten gegenseitig motivieren und voneinander lernen.
Buttenhausen......................
Kunst als Therapie. Im Landheim mit seinen 300 Bewohnern ist dieser Schwerpunkt inzwischen Alltag. Aber es hat Jahre gedauert. Sarah Boger betrat quasi Neuland, als sie 1997 als Kunsttherapeutin in Buttenhauseneingestellt wurde. Niemand konnte sich so richtig vorstellen, wie und was die junge Frau arbeiten wird. Kollegen blieben skeptisch, Patienten öffneten sich nur zaghaft.


Vergangenheit. Inzwischen ist alles anders. »Ich bin total angenommen." In ihren Einzel- und Gruppentherapien erreicht sie geistig Behinderte und psychisch Kranke. Sie malen gemeinsam, reden viel und immer wieder ist sie aufs Neue erstaunt, wie positiv die Menschen reagieren, wie spontan und unbefangen sie ans Werk gehen. Sie erzählt von einem 67-Jahrigen, der seine Kindheitserlebnisse auf der Leinwand verarbeitet oder von einer Frau, die es sichtlich genießt, dass sie selbst die Maltechnik und die Auswahl der Farben bestimmt. Die Resultate sind mehr als bemerkenswert.
Christoph Menschel weiß genau, wovon sie spricht. Der gebürtige Gomadinger,
ebenfalls mit solider akademischer Ausbildung zum Künstler (unter anderem an der Akademie in Karlsruhe und Stuttgart) interessierte sich früh für die so genannte ,,Art Brut", die ,,rohe Kunst", die Werke von Menschen, die ohne jegliche künstlerische Vorbelastung, also ohne Ausbildung, sind.
Er befasst sich mit der Arbeit von Dr. Leo Navratil, einem Psychiater, der den therapeutischen Wert von Kunst früh erkannt und den Kreis „Künstler aus Gugging“ in Fachkreisen bekannt gemacht hat. Das ist die medizinische Seite. In der Kunst steht dafür der Name Jean Dubuffet. Menschel: ,,Er hat diese Kunst erst hoffähig gemacht. Der 1985 verstorbene Künstler ging selbst verspielt und experimentell vor und bewunderte die Kunst von Geisteskranken. „Art Brut“ machte er zu einem Begriff. Seine ,,Nez carotte“ (Karottennase) wurde eine Art Markenzeichen: Ein Hut in Rot, eine große Nase, zwei Hände ohne Arme, ein schwarzer Körper - zwei Kreise, die mit einem Strich verbunden sind - das hat sich eingeprägt.


Theorie verbinden Sarah Boger und Christoph Menschel mit der Praxis.
Sie hat nach dem Besuch der Fachhochschule in Blaubeuren in der Suchtprophylaxe in Schwäbisch Hall gearbeitet, für Kinder Volkshochschulkurse gegeben und was die Kunsttherapie anbelangt in Buttenhausen ihre Erfahrungen gesammelt, er ist langjähriger Mitarbeiter von Volkshochschulen und Kunstdozent im ,,Servicehaus Sonnenhalde" in Engstingen.
Was sie fasziniert, ist der Wechsel von einer zur anderen Generation und vor allem der gesellschaftliche Querschnitt, den sie in Einrichtungen wie einem Altenheim antreffen.
 
Christoph Menschel spricht von ,,neuen. Inhalten der Kunst“. Nicht ausgebildete Künstler seien einfach unbelasteter, sie wirken frischer und authentischer. ,,Da ist ein ganz anderes Potential drin." Die Eigenwilligkeit ist etwas, das plötzlich fassbar, vielleicht auch begreifbar wird. Weg vom Kopf hin zur Intuition, ,,spontan und unverbildet“, wie er es ausdrückt. Ein ungeheuer interessantes Feld für alle, die selbst künstlerisch tätig sind oder sich für Kunst begeistern können.
Mit dem Kurs wollen sie diese Leute ansprechen und Barrieren aufbrechen. Menschen mit und ohne Behinderung sollen zusammen finden. Das habe nichts mit Wohlwollen zu tun, Es ist ein Austausch von dem alle profitieren.
Als Veranstaltungsort macht Buttenhausen den Anfang. Im Landheim, wo ein Gustav Mesmer gelebt hat, wo beeindruckende Bilder von Heimbewohnern an den Wänden hängen, haben sich ein Mann und vier Frauen für den Kurs angemeldet. Sie wären mehr als enttäuscht, wenn sie unter sich bleiben würden. Die Einladung gilt. Wird diese angenommen, dann kommen sie beim nächsten Kurs auch gerne nach Münsingen. Dies wäre ganz im Sinne von VHS-Leiterin Thea Lahn. ,,Wir wollen die Volkshochschule für Behinderte öffnen.“ Alles andere als eine noble Geste. ,,Denn wir können von ihnen genauso lernen wie umgekehrt.“

 
  
 
 
 Dr. Lorenz L. Göser
 
Rede zur Ausstellungseröffnung am Fr 21. Juli 2000 in der Lände:
 
 
Christoph Menschel: ,,Sehmomente - Bilder vom See"
 
Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kunstfreunde und Freunde des Künstlers, lieber Christoph Menschel selbst, liebe Bodensee-Fans, liebe Petra, herzlich willkommene Gäste!
 
I.
Wie ein Sommergewitter droht uns womöglich das Parkfest, dessen Musik jetzt zwar jederzeit die Rede stören kann, das uns gleich anschließend aber dann doch mit denselben Tönen erfreut und mit Bier und Wein erfrischen wird. So hat eben alles 2 Seiten, nur der See hat mehr:
Dieser See bewirkt" - so Martin Walser in seinem ,Heimatlob', ,,nicht dies oder das. Wenn er etwas einprägt, dann den Wechsel. Die Nichteigenschaft.... Dieser im Süden des Nordens gelegene See besteht auf nichts. Wenn Junitage durch die Blätterkronen brausen und die Wasseroberfläche in Gefunkel zerspringt, tut der See mittelmeerisch. Von Spätherbst bis Vorfrühling führen ihn Stürme weißgrün vor; da spielt er Fjord. Dieser See spielt alles nur."
Und das Schöne an unserer heutigen Ausstellung ist, dass Christoph Menschel einfach mitspielt: Wo der See überschaubar ist, reißt er uns mit hinüber ans andere Ufer, wo Dächer und Felder des Vordergrundes prägend sind, widmet er sich ihnen, wo sich der See postkartenhaft mittelalterlich gibt, kommt er dem beinah naiv entgegen, und wo der See, wie Walser sagt, ,, mittelmeerisch tut", leuchten bei Menschel die Farben schon südländisch.
Wie der See selbst sind auch die Bodensee-Bilder von Christoph Menschel gerade ,,nicht dies oder das", sondern eben mal dies und eben mal das und dann wieder etwas ganz anderes, unerwartetes. Erklärtermaßen ist unser Maler fasziniert davon, ,,wie viele Gesichter der See hat und wie schnell sich diese ändern". Dass wir aber diese Vielfalt auch in den Bildern sehen, und zwar gleich in scheinbar ganz unterschiedlichen Malweisen und Stilen, das hat nicht nur mit dem See sondern natürlich auch mit dem Künstler zu tun; sowohl mit seinem Können als auch mit seiner heiteren Leichtigkeit, um nicht zu sagen: Unbekümmertheit!
 
II.
Christoph Menschel ist 1960 in Gomadingen auf der Schwäbischen Alb geboren und hat in Reutlingen die höhere Schule besucht. An der Kunstakademie in Karlsruhe war er anno 82/83 auch Gaststudent bei Prof. Markus Lüpertz. Suchend wechselte er 85/86 in Karlsruhe an die Technische Universität und belegte dort Architektur, verbunden mit Freihandzeichnen, bevor er sich schließlich doch ganz für das Studium der Malerei entschied, das er von 86-91 nun an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste betrieb, u.a. bei den Professoren Hämmerle, Schaffrath und Mansen: Er hat also eine solide akademische Ausbildung zum Künstler.
Christoph Menschel hat sich früher auch mal in der Schweiz als Straßenmaler und auch im Straßentheater betätigt. Seit 1988 ist er Dozent für Malerei und Grafik im Stuttgarter Werkstatthaus Ost und im Jugendhaus Mitte, wo er sich ebenso wie in München an einem Projekt gegen Gewalt beteiligt hat. Er gab und gibt Kurse an einigen Volkshochschulen und seit 1996 engagiert er sich auch in der künstlerischen Betreuung von Senioren: Er hat also Umgang mit allerlei Leuten.
In Hamburg war Christoph Menschel eine Weile als Bühnenmaler am Theater Imago tätig. Seit 89 setzt er sich mit Lithographie auseinander und hat dafür eine eigene Werkstatt, deren Drucke wir vielleicht ein andermal ausstellen können. Auch im Bereich Textil-Siebdruck hat er Berufserfahrung gesammelt: Er kann und kennt also Kunst auch als praktische Arbeit.
Seit 91 arbeitet Christoph Menschel als freier Künstler in eigenen Ateliers, was ihm die ersten Jahre durch ein Stipendium des Landes Baden-Württemberg erleichtert worden ist. Seither nehmen auch seine Ausstellungen, die bis in die frühen 80er Jahre zurückreichen, rapide zu und erobern auch Galerien über den Großraum Karlsruhe, Stuttgart, Schwäbische Alb hinaus: nicht nur auf der Höri und jetzt in Kressbronn, sondern auch Ausstellungsbeteiligungen in Frankfurt, Papenburg, Leipzig und Berlin stehen auf der langen Liste, und 1999 das Museum für bildende Kunst der russischen Republik Karelien im Rahmen von ,,Art-Transit" in Petrosawodsk.
Soviel zur Biographie Christoph Menschels, zu seinem künstlerischen Werdegang, zu seinem Können und seiner Anerkennung. Nun noch zur oben angesprochenen Leichtigkeit:
 
III.
Christoph Menschel malt natürlich seit der Kindheit und stellt seit Anfang der Achtziger Jahre mit rasch wachsendem Erfolg aus: aber immer wieder was anderes, was ganz anderes. Die Seebilder z.B. erst ein Mal in kleinerem Umfang auf der Höri, denn es gibt sie erst seit zweieinhalb Jahren. Was wir hier sehen, meine Damen und Herren, sind also gar nicht die typischen Menschel-Bilder! Die sehen ganz anders aus. Oder gibt es sie vielleicht gar nicht?
Traumhaft zum Beispiel das Bild ,,Sommer, Sonne, Fahrrad, Strand". ,,Alles Zirkus: Kleiner Reiter mit der Tröte" ist dazu eine lange Rezension im Reutlinger ,,Alb-Bote" (v.28.7.99) überschrieben, aus der wir auch erfahren, dass Christoph Menschel öfters in den Zirkus geht, denn, so sagt er: ,,mir gefällt so etwas Unnützes, ein Leben lang zu träumen, auf dem Hochseil zu laufen als Akrobat". Und wenn es dort weiter heißt: ,,Diese lebendige Welt wird auch im Anschauen der Bilder nie langweilig", dann gilt das für unsere Ausstellung hier ebenso wie die Charakteristik mit der eine Ausstellung in Engstingen überschrieben ist: ,,Bunte und sinnenfrohe Darstellungen". Die dortigen Bilder, ,,Das Huhn und der König" z.B. erinnerten wohl an Märchen und Traumbilder.
Christoph Menschel versteht unter seiner ,,imaginären Malerei" eine ,,freie Abhandlung der Themen", der nun der Bodensee zwar engere Grenzen setzt als die Träume im Atelier, aber auch hier setzt sich der Künstler mühelos und unbekümmert über die vordergründige Wirklichkeit hinweg, wenn und ~o ihm anderes hervorhebenswerter erscheint. Für ihn ist ,,Kunst eine Methode zur Wahrnehmung, aber auch zur Neuerung und Lebensbewältigung." Das Albmagazin ,,Highländer" hebt in einem Bericht über Christoph Menschel vor allem auf dessen technische wie stilistische und motivische Vielseitigkeit ab:
Er schafft Holz- und Bronzeplastiken, zeichnet comic-artig mit der Feder, ritzt phantasievolle Radierungen, druckt Lithos und macht Siebdrucke' malt ganz großformatige Ölbilder und nutzt natürlich auch das Acryl und mischt auch mal Aquarelltechniken mit ein. Stilistisch erinnern allein hier schon einige Bilder an Impressionisten, wie z.B. das Kressbronner Strandbad, andere eher an Expressionisten und wieder andere an naive Bilder. Von den Atelier-Bildern sind viele der ,,Wilden Malerei" zuzurechnen, die hier nur manchmal leicht anklingt. In den Rezensionen zu anderen Ausstellungen werden seine Bilder mal mit Marc Chagall verglichen und mal mit Otto Dix und George Grosz' mal mit Max Ernst oder Beckmann und mal ist gar von altmeisterlich gemalten Stillleben die Rede.
Lieblingsmotive scheinen, neben dem jüngst erst entdeckten Bodensee, wohl das Fahrrad, der Hahn, die Katze, der Fisch zu sein, die dann oft wie Zeichen wirken. Aber er malt auch mal Hausfassaden für eine denkmalschutzbewegte Bürgeraktion und nimmt eindrücklich Stellung gegen Gewalt. Er illustriert mit Lithographien biblische Themen wie ,,Salome" und ,,Das Hohelied", den Einzug in Jerusalem" und ,,Ehe der Hahn dreimal kräht", doch illustriert er ebenso auch eine Geschichte von Josef Conrad, er bringt aus der Toskana große Bilder quasi als gemaltes Tagebuch mit, er findet im geliebten Zirkus Motive zuhauf und hat einfach auch Spaß an Alltagssituationen, wie z.B. dem ,,Ruf ans Telefon".
Fast schade, dass die Lände so klein ist und wir nicht das ganze Spektrum dieses vielseitigen Künstlers auf einmal zeigen können, aber vielleicht doch später mal einen andern Aspekt.
 
IV.
Heute und hier ist der ,,See" dran und für diese Bilder wählte Menschel die eher ,,klassische Malweise' setzt diese jedoch in eine moderne Malerei um und gelangt so zu einer eigenständigen, ausdrucksstarken Darstellungsart". Diese allerdings scheint mir in ihrer Unmittelbarkeit und auch Unbekümmertheit nun doch irgendwie als ,,typisch Menschel".
Christoph Menschel stellt hier ja nicht wegen seiner eindrucksvollen Biographie oder wegen seiner anderen Ausstellungen aus, die ich bisher nur aus Rezensionen kenne, sondern wegen eben dieser hier ausgestellten Bilder:
Einer kurzen, unkomplizierten Anfrage im September vorigen Jahres hat er 2 Fotos von ,,Seebildern" beigelegt und eine Einladung zu einer schon zu Ende gegangenen Ausstellung in Reutlingen mit einem total anderen, aber zum Titel ,,Sommerträume" sofort überzeugend passenden Umschlagbild mit einem bläulichen Fahrrad vor Grün, Rot und Pink mit gelber Sonne. Eines der beiden Seebilder war das jetzige Coverfoto auf der Kressbronner Programmkarte, deren Mitnahmehäufigkeit beweist, dass dieses Bild nicht nur mir mit großer Leichtigkeit sofort ,,Sommer am See" signalisiert, und das andere war wieder ganz anders.
Es war und ist auf keinem der Bilder unser Kressbronner See, wie wir ihn gewohnt sind mit Säntis und so, es war und ist, wie Sie ja jetzt selber sehen, ein fast märchenhafter See, den wir doch alle kennen und nach dem wir uns immer wieder sehnen.
Die drei Fotos weckten jedenfalls Interesse, Herr Menschel hat noch ein paar mehr geschickt und Unterlagen über Ausstellungen mit ganz anderen Bildern und ist im November mit einem Auto voller See-Bilder angereist. Da standen dann an einem Sonntagmorgen bald alle Bilder die jetzt hier hängen ringsum am Boden und ich war zunächst einfach platt:
Ich war platt von der Unbekümmertheit, mit der dieser Mann ans Werk zu gehen schien, wie er nicht Motiv und Stimmung einem bestimmten Stil unterwirft, sondern sich selbst wie selbstverständlich und mühelos der jeweiligen Gegebenheit anpasst und so ihrer Einzigartigkeit auf seine spezifische, nämlich immer andere Art zum Ausdruck verhilft.
Man spürt die Freude, das Staunen, das verliebte Entzücken das den späten Entdecker des lieblichen Sees bei jedem Besuch von der Alb runter wieder neu ergreift und das er jedes Mal so überraschend umsetzt, dass auch wir in jedem Bild den See neu entdecken.
Dabei wünsche ich Ihnen nun viel Vergnügen!
 
 
Südkurier Nr. 166 - FN (Freitag, 21. 07. 2000)
 
 
 
Schwäbische Zeitung Nr. 164 / Lokalseite 2 (Mittwoch, 19. 07. 2000)
 
 
 
S
 
 
üdkurier Nr. 170 - Ü / FN (Mittwoch, 26. 07. 2000)
 
Thema mit überraschenden Variationen
Unbekümmert: Bodensee-Malerei von Christoph Menschel in der Lände Kressbronn
Eine große Faszination muss die Bodenseelandschaft auf den Christoph Menschel (von der Schwäbischen Alb) ausgeübt haben, denn seit zwei Jahren lässt er sich von ihr zu ganz unterschiedlichen Bildern anregen.
Er bietet nicht topografische Abbildhaftigkeit, sondern findet aus seiner Begeisterung heraus zu einer breiten Palette von Formulierungen, die von einer naiven Darstellung bis zu gekonnt expressiven Gemälden wie ,Apfelblüte bei Schloss Kirchberg" oder ,,Apfelblüte bei Vogt" führen. ,Wie der See selbst sind auch die Bodensee-Bilder von Christoph Menschel eben mal dies und eben mal das und dann wieder etwas ganz anderes", formulierte Kressbronns Kulturbeauftragter Lorenz Göser in seiner Einführung zur Ausstellungseröffnung.
Der 1960 in Gomadingen auf der Schwäbischen Alb geborene Maler hat eine solide künstlerische Ausbildung, die mit einem Gaststudium bei Markus Lüperts an der Kunstakademie Karlsruhe begann und an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste bei den Professoren Hämmerle, Schaffrath und Mansen abschloss.
Dennoch malt Menschel immer wieder ganz anders, wie das aus der Sommerausstellung unter dem Thema ,,Sehmomente-Bilder vom See" in der Lände Kressbronn deutlich wird. Da sind neben den Bodenseelandschaften einmal die stutzig machenden Atelierbilder, die in ihrer fast kindlichen Fabulierlust ,,Großes Huhn mit goldenem Ei" und ,,Großer Hahn mit Zickzack und Sonne" nebst ,,Fisch und Fahrrad auf Pink" an Chagall denken lassen.
Oder Menschel beschäftigt sich mit den frühen Flugversuchen der Menschen, glossiert den Flug des Ikarus oder träumt von dem davon galoppierenden Pferd dem Pegasus mit den feuerroten Flügeln. Von traumhaft surrealen Welten zeugen seine unbekümmert gestalteten Flugmaschinen.
 
Ausstellung
Dass Menschel bei allem lockeren und spontan geführtem Pinselduktus Atmosphärisches etwa nach der Art eines Defuy ins Bild zu bringen vermag, zeigt sich in ,,Blick von der Birnau". Aber dann malt er wieder die Stadtansichten anders, indem er die Seelandschaft zu einer dichten Komposition zusammenzieht und sie in grelle Farben taucht.
Mitunter fast kindlich mutet wiederum die Darstellungsweise ,,Überlingen mit Fachwerkhäusern, wo er nahezu illustrativ das Gebälk malt, in der daneben hängenden Fassung wieder eine frappante Wolkenstimmung über die Landschaft aufbaut oder in dunklen pastoren Tönen den ,,Blick vom Napoleon Museum auf Berlingen" wirft. Die Begeisterung für diese Landschaft motivierte Menschel immer wieder Darstellungsweisen, die sich stilistisch wie motivisch vielseitig äußern aber in ihrer Unbekümmertheit und Unmittelbarkeit etwas Frisches Spontanes haben.
Franz Josef Lay
 
 
 
Alb - Bote Seite 16 (Samstag, 23. 06. 2001)